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Textenetz | Kommentar: Von den Schwierigkeiten, Religion zu unterrichten


Ein Kommentar von Ulrich Karger.
Erfahrungen und Anfragen aus der Praxis
(Für das Textenetz leicht überarbeitet und um eine Anmerkung ergänzt)

Erstveröffentlichung: Religion heute 11 / Sept. 1992



Wenn ich von einem zentralen Gleichnis wie dem vom "barmherzigen Samariter" (Lk. 10) ausgehe, lautet mein Auftrag als Christ: Gehe auf andere zu, der "Nächste"(1) ist nicht ausschließlich mein Nachbar, sondern der, der mich braucht - unabhängig von der Glaubenszugehörigkeit oder/und dem verwandtschaftlichen Verhältnis et cetera.
Demzufolge kann ein Mission- oder Verkündigungsauftrag eigentlich nicht länger die Einverleibung in unsere Glaubensgemeinschaft zum Ziel haben - ähnlich wie die Mitgliederwerbung des ADAC während einer Pannenhilfe - sondern der Missionierende oder Verkündende ist selbst das Ziel seines Christseinwollens. Er soll es nach besten Wissen und Gewissen leben und sich und seine Erfahrungen mit dem Christsein in die ihn umgebende Welt einbringen. Allein dieser Ansatz könnte m.E. noch ein Überwindenwollen kirchengeschichtlicher "Fehler" glaubhaft machen und die Existenz unserer Kirche auch zukünftig "berechtigen".

Was heißt das nun in der Praxis?
Besonders in jener, die, mit einem Verkündigungsauftrag versehen, noch jedes Schuljahr aufs Neue Kinder und deren Eltern zu erreichen vermag?
Bisher ist der Verkündigungsauftrag mehr oder weniger doch so definiert, daß wir KatechetInnen(
2) den Kindern Kirche nahebringen, indem wir die biblischen Geschichten und deren daraus abzuleitenden Intentionen zur Kenntnis geben und den Pfarrern für die Konfirmation "zuarbeiten". Im Mittelpunkt steht das Sich-von-der-Bibel-her-erinnern.
Hierin liegt jedoch ein Dilemma, das stillschweigend "irgendwie" in eine sich totlaufende Kreisbewegung einzumünden droht: Zählt sich der Katechet zu den (gottlob!) unter uns nur noch vereinzelt aufscheinenden, orthodox bis fundamentalistischen Christen, kann er mit seinem Selbstverständnis die biblischen Geschichten Wort für Wort zum Argument erheben, ohne sie deuten zu müssen. So sehr ich manchmal einen solchen Kollegen um seine in sich gefestigte, um nicht zu sagen: festzementierte "Klarheit" beneide, könnte ich sie niemals mit besten Wissen und Gewissen nachvollziehen wollen.
Für mich offenbart Jesu Wirken und Handeln das situationsgemäße Eingehen auf das Subjekt Mensch. Das ist wiederum nur möglich, wenn ich die Verantwortung zu tragen bereit und in der Lage bin, mich auf die aktuelle Situation meines gegenwärtigen Gegenübers einzulassen.
Da die biblischen Geschichten 2000 Jahre und älter sind, bedingt dieser Ansatz konsequenterweise auch die Deutung dieser biblischen Geschichten - nach bestem Wissen und Gewissen!
Zur Ausbildung von KatechetInnen und LehrerInnen gehören nicht von ungefähr auch einige (zu wenige?) Semester Pädagogik und Psychologie. Sie wissen also wie ich von so grundlegenden Ansätzen wie dem Stufenmodell Piaget's.
Bewußt oder unbewußt wird diesem Modell bereits in der zeitichen Abfolge der Schulfächer Rechnung getragen: Z.B. wenn das Fach Geschichte erst ab der 5. Klasse angeboten wird, da die Kinder nur selten vorher in der Lage sind, einen Zeitbegriff zu entwickeln, der mehr umfaßt, als ihr eigenes junges Leben.
Warum werden wir dann dazu angehalten, bereits in den ersten Grundschuljahren 2000 Jahre alte Erzählungen zu unterrichten?
Die Frage nach dem Zeitbegriff, meinen wir umgehen zu können, indem wir die biblischen Geschichten "kindgemäß" erzählen. Dieser gutgemeinte Krampf einer "Erstbegegnung" verkürzt und verflacht die an ihre Zeit und ihr Umfeld gebundenen Geschichten zu abenteuerlich rührseligen "Stories".
Versucht der Kollege seinen eigenen Differenzierungsmöglichkeiten treu zu bleiben, rauschen seine Erklärungen an den Kindern vorbei. "Überwindet" er diese Betrachtungs- und Auseinandersetzungsweise mit der Bibel und nähert sich dem zuerst beschriebenen "glücklichen" KollegInnen, wird es ihm auch nichts mehr ausmachen, wenn er der magischen Phase, in der diese Alterstufe ihre Welt wahrnimmt, das Pendant eines "Jesus Christ Superstar" mit Big-Brother-is-watching-you-Komponente offeriert.
Seine Ängste vor dem autoritären Jesusbild in der eigenen Kindheit muß man dazu allerdings als im Nachhinein "doch ganz sinnvoll" verdrehen können - ganz abgesehen davon, daß Jesus unbestritten eine Autorität, aber gewiß nicht autoritär war.
"Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen."(Lk. 18,17)
Das meint in diesem Zusammenhang auch, daß ich als Katechet zuerst die Kinder verstehen lernen muß, um auf ihre Bedürfnisse einzugehen.
Kinder benötigen Zeit, ihren altersgemäßen Egozentrismus zu durchleben. Sie auf das DU des "Nächsten" einzustimmen, muß behutsam und möglichst beispielhaft liebevoll geschehen. Dazu gehört das Wissen um und die Akkzeptanz von den Artikulations- und Verständnismöglichkeiten der Kinder.

Wie also komme ich meinem Verkündigungsauftrag näher?
Indem ich ihnen letzlich unverständlich bleibende Formeln aus der Bibel "eintrichtern" will? Oder sollte ich ihnen nicht besser Raum für Interaktionen geben, die tatsächlich die Kinder zur unmittelbaren Stellungnahme anregen?
"... wie dich selbst!"
In Deutsch z.B. müssen Schüler erkennen, was der/die Dichter/in meinte - unsere Religion ist eine Schriftreligion, und ihre Grundlage sollen deshalb auch Geschichten sein: Ihnen zuhören lernen, sie sinngemäß verstehen und wiedergeben können wären nach wie vor hohe kognitive Lernziele, nur mit dem Unterschied, daß wir im RU weniger Bildungsgut als eben eine Lebenseinstellung nachvollziehbar machen wollen.
Ich schlage deshalb vor, die sogenannten "Sozialgeschichten" nicht als Über- oder Unterbau von in diesem Alter nicht transportierbaren biblischen Geschichten zu gebrauchen, sondern sie als das wert zu schätzen, was sie sind: Heutige Zeugnisse von Lebens- und Gotteserfahrungen.
Diese Einschätzung korrespondiert mit einer anderen: Die größte Selbstbeschneidung des sich institutionalisierenden Christentums war für die Christen die Kanonisierung. Sie bedeutete nicht nur die formale Abgrenzung vom Judentum, sondern auch das Kappen einer jüdischen Tradition - einer Tradition in und mit der Jesus lebte - die eigene(n) Geschichte(n) mit Gott fortzuschreiben.
Was in den ersten Jahrhunderten vielleicht nicht als gravierend empfunden wurde, da die Formen und Wertebestimmungen des Lebens noch lange in vielem identisch blieben, erweist sich spätestens am Ende des 20. Jahrhunderts als Fremd-Sprache, die nur mit Mühe und hoher Motivation zu erlernen ist. (Wobei allein die ersten "Interpretationen" bei den Übertragungen der aramäisch überlieferten Worte Jesu ins Griechische und von da ins Lateinische nicht zu vernachlässigen sind!)
Jesus aber wollte keine Professuren begründen, sondern sprach direkt zu Fischern, Zöllnern und Huren. Er wollte, daß wir Nachfolgenden in seinem Namen Tischgemeinschaft mit den Nächsten halten.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Bei meinem Ansatz halte ich es nach wie vor für unverzichtbar, daß Theologen, Pfarrer und Katecheten ihr Handeln auf der Grundlage der Bibel reflektieren und überprüfen. Für Kinder und solche, die nicht diesem Berufsfeld angehören, sollten Zeugnisse von Erfahrungen mit Gott in den Metaphern unserer Zeit geprägt werden, die ebenso unmittelbar zu wirken vermögen, wie einst die Gleichnisse Jesu. Diese Zeugnisse sollten unmißverständlich den Fokus aber auch die Brennweite der Botschaft Jesu darlegen, so daß kein Pfarrer in die Versuchung geraten kann, gewisse Ungereimtheiten in der Redaktion biblischer Texte mit einem süffisanten "Geheimnis, Geheimnis" zu überdecken.
Die katholische Kirche aktualisiert ihre Dogmen, indem sie u.a. auch jenen dem Faschismus nahegestandenen Begründer von OPUS DEI in vergleichsweise stürmischer Eile "seelig spricht".
Dem kann ich nur heftig widersprechen, aber das vorbildliche Leben von Martin Luther King, Mahatma Ghandi und Mutter Theresa zum Zeugnis von Gotteserfahrungen zu erheben, wäre für mich durchaus angemessener "Gottesdienst" - doch selbst diese sind schon fast zu entrückten "Klassikern" geworden - warum also nicht auf Konventen, gemeinsam mit Pfarrern und Theologen, Geschichten sammeln oder/und entwickeln, die am Beispiel heutiger Prototypen und Situationen den zwei herausragenden, in Lk.10 zitierten Geboten unmittelbares Gehör verschaffen könnten?
Immerhin leben viele in Zusammenhängen, die komplexer sind, als die dörflich-ländlichen Gemeinschaften zur Zeit Jesu. Nicht nur den unterschiedlichen Generationen, sondern auch den regional bedingten Sprachbildern sollte Rechnung getragen werden. Gute Pfarrer werden das in ihren Predigten schon immer mitbedacht haben - es geht also eigentlich "nur" um eine Akzentverschiebung: Mit der Erkenntnis, daß der ehrfürchtige Schauder vor dem altehrwürdigen Gotteswort, weniger dem Wort Gottes galt als das Ausnutzen eines Kompetenzvorteiles signalisierte!
Diese "Akzentverschiebung" rührt daher für manche scheinbar an den "Grundwerten" des Christentums: "Scheinbar" deshalb, weil diese "Grundwerte" in der Regel nichts anderes als ritualisierte Hülsen meinen. Diese Hülsen sind ihrer Natur gemäß hohl und vermögen das zunehmende Abwenden von der Kirche nicht mehr aufzuhalten.
Jesus gab keinen Auftrag eine neue Kirche zu begründen, sondern er beschrieb, wann und wie ein Gottesdienst mit anderen möglich ist. Sein Auftrag an uns war, die frohe Botschaft weiterzugeben, aber nicht, sie als argumentative Waffe gegen andere oder für den puren Eigennutz einzusetzen.
Jesus argumentierte stets von dem ihn umgebenden Menschen her und versuchte bei ihnen und in ihrer Sprache das Vertrauen auf Gott zu stärken. (Nirgends belegt ein Zitat, daß er die Bürokratie von Kirchenfürsten oder Konsistorien begründen wollte!)
Von daher würde sich Jesus einer Fortschreibung unserer Erfahrungen nicht verschlossen haben - ihm selbst ging es ja um ein situationsgemäßes Deuten der Gebote seiner Bibel, unseres Alten Testaments (=AT), die er zu seiner Zeit aus der Erstarrung selbstgerechter Formeln zu befreien suchte.
Wir sind in einer ähnliche Situation: Unsere christlichen Formeln sind unglaubwürdig geworden, weil sie nur noch als Formeln sichtbar werden, die sich z.T. sogar gegen das Eigentliche ihres Urhebers gewendet haben - man muß dazu in der Kirchengeschichte nicht weiter als 50 Jahre zurückgehen; noch nicht einmal 50 Jahre!)
Jesus war Jude. Seine Herkunft das AT.
Wir sind Christen, d.h. unser Ursprung liegt im Judentum mit seiner jahrtausendealten Streitkultur und in seiner Weiterung durch Christus, von dem im NT bezeugt wird, daß er als Mensch wurde, was Gott in jedem von uns angelegt hat: Sein Leben als Mensch zu leben und es als Mensch zu vollenden.
Einer sagte mal, das lange gesuchte "missing link" zwischen Affe und Mensch sind wir selbst.
Dem Ebenbild Gottes zu entsprechen heißt demnach, endlich unserer eigenen Menschwerdung einen Schritt näher zu kommen. Dazu müssen wir die Angst vor der Einzigartigkeit und Verschiedenheit überwinden lernen, wir müssen uns einander verständlich machen wollen. Unsere Kompetenzen in und mit der Öffentlichkeit sollten endlich ein- und abgefordert werden.
Die Auseinandersetzung, der Streit bedarf dazu unverhohlener Worte - ich bitte darum!

Ulrich Karger

1 Den vorwiegenden Gebrauch des Maskulinums bitte ich der besseren Lesbarkeit wegen zu entschuldigen!

2 Katechet = In kirchlichen Instituten ausgebildeter Religionslehrer, der auch von den Kirchen angestellt und bezahlt wird.
In Berlin (Berliner Sondermodell!) genießen Katecheten an den Schulen formal eigentlich nur eine Art Gastrecht. (Noch einige Zeit nach dem Krieg durften sie noch nicht einmal ins "Lehrerzimmer".) Nicht zuletzt aber seit ihre Ausbildung der "normalen" Lehrerausbildung angeglichen wurde, werden Katecheten trotz der Stundenplan-Schwierigkeiten mit den Nicht-Religionsunterricht-Teilnehmern als wertvoller und integraler Bestandteil des Kollegiums anerkannt.
Für eine unbefristete Anstellung waren zu meiner Zeit zwei Qualifikationsstufen (C und B) innerhalb von 3 Jahren zu absolvieren, die nach zwei Jahren Praxis noch einmal um ein dreijähriges Weiterbildungsstudium (z.B. für Sek II oder Sonderschulpädagogik) ergänzt und mit der Qualifikationsstufe A abgeschlossen werden konnte.
Seit einigen Jahren ist die Ausbildung zum Katecheten von einem auf fünf Jahre komprimierten Fachhochschulstudium abgelöst worden, das nicht mehr nur auf den Einsatz in der Schule sondern auch - analog zur Ex-DDR-Tradition - in einer Gemeinde vorbereitet und nunmehr anstelle der Qualifikationen C - A die Erlangung des Titels "Dipl. rel. päd. / FH" ermöglicht. (U.K.; 2001)




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