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Textenetz | Nachruf auf Volker Kühn (1933-2015)


Ein kleiner Abschiedsgruß von Ulrich Karger anlässlich des Todes von Volker Kühn am 20. September 2015.

Erstveröffentlichung: Textenetz 9/2015

Homepage-Archiv von Volker Kühn:
  • www.vauka-berlin.de

  • Artikel zu Volker Kühn im Textenetz:
  • E-Mail-Interview mit Volker Kühn (2002/03)
  • Eine Geschichte des Kabaretts (2010)
  • Nachruf auf Volker Kühn (2015)

  • In der Büchernachlese besprochene Titel von Volker Kühn:
  • Deutschlands Erwachen - Kabarett unterm Hakenkreuz
  • Hierzulande: Kabarett in dieser Zeit ab 1970
  • Wir sind so frei - Kabarett in Restdeutschland 1945-1970
  • Fisch sucht Angel (Buch und Regie zu einem Stück mit Tucholsky-Texten)



  • Nach langer Krankheit ist Volker Kühn anderthalb Monate vor seinem 82. Geburtstag gestorben. Er hat auf vielfältige Weise über ein halbes Jahrhundert lang die Kabarettszene begleitet, gefördert und inspiriert sowie nicht zuletzt auch ihre Historie seit ihren Anfängen zu Beginn des 20. Jahrhunderts u.a. in Interviews mit überlebenden Vertretern der Vorkriegszeit dokumentiert und in zahlreichen Büchern aufbereitet.
    Doch seine Person sollte dabei bitteschön im Hintergrund bleiben. Seine Homepage wie auch die Angaben in seinen Büchern zu ihm als Autor hielten sich stets sehr bedeckt und verrieten nichts über seine Privatsphäre. Dass er Vater von vier Kindern war, ist nur beiläufig einem seiner letzten Rundfunk-Interviews zu entnehmen, und dass er offenbar mehrmals verheiratet war, nur zu erschließen - aber nicht zu belegen, wie oft und, abgesehen von seiner letzten langjährigen Ehe mit der Schauspielerin Katherina Lange, mit wem.
    Auch in den persönlichen Gesprächen mit ihm ging es meist um Andere und Anderes, gerne auch in Anekdoten, wie die von Dieter Hildebrandt, der eine Lesung hatte und während seiner Ausführungen an Volker Kühn beinah seinen Auftritt verpasst hätte, um dann anschließend genau da weiterzumachen, wo er vor seinem Auftritt aufgehört hatte zu erzählen. Kühn selbst war sich nur mittelbar von Interesse, wenn er bis vor Beginn seiner Erkrankung um den 80. Geburtstag herum von den buchstäblich pausenlos und zumeist auch noch parallel in Angriff genommenen Buch-, Theater-, Hörfunk- oder Fernseh-Projekten erzählte.
    Die von seiner Frau über dpa verbreitete Nachricht von seinem Tod wurde dennoch von regionalen Fernseh- und Hörfunkprogrammen wie auch von überregionalen Zeitungen wie FAZ, SZ und Tagesspiegel aufgenommen, die zudem noch wenig später ausführlichere Nachrufe zu ihm veröffentlichten.

    Dass die Frage nach Quoten darüber entscheiden konnte, wann und ob politisches Kabarett Sendezeiten im Fernsehen bekam und dann auch noch mit den damit in einen Topf geworfenen so genannten "Comedians" konkurrieren musste, ärgerte ihn beträchtlich. Eher traurig hingegen machte ihn die Befürchtung, dass die nachwachsenden Generationen kaum noch historisches Bewusstsein insbesondere für die Zeit vor und während des Nationalsozialismus aufbrachten und bei ihnen deshalb die im Kabarett dazu vorgetragenen Positionen und Pointen womöglich ins Leere gingen.
    Als "Linker" konnte er bis zuletzt in Rage über jene Politiker geraten, die offenkundig nichts aus der Vergangenheit lernen wollten und nur an sich und ihre Karrieren dachten.
    Und mit Religion hatte er nun schon gar nichts am Hut und zog mit großer Inbrunst gegen deren Vertreter zu Felde, wiewohl oder gerade weil er einer Pastorendynastie entstammte, die sich laut seinen das Interview mit mir nachträglich erweiternden Angaben dazu sogar bis ins direkte Umfeld von Martin Luther zurückverfolgen ließ. Dass er auf meine Fragen hierzu trotzdem widerwillig antwortete und mein Brotberufdasein als Religionslehrer hinnahm, geschah nur unter dem Vorzeichen, dass ich da nicht allzu lange nachbohrte und alsbald wieder ihn mehr interessierende Themen ansprach.

    Unsere Bekanntschaft setzte etwa Mitte 1989 ein, als ich ihn als Nachlassverwalter von Wolfgang Neuss um das Abdruckrecht von einem seiner Texte für das "Österreichische Literaturforum" gebeten hatte. Seine unkompliziert und freundlich erteilte Zusage ermutigte mich, ihn auch danach immer wieder mal anzuschreiben - anfangs noch per Brief und Fax. Anlass dafür boten unter anderem meine Rezensionen zu seinem fünfbändigen Kabarettlexikon oder das E-Mail-Interview mit ihm wie auch meine Bitte, dass er sich ein Manuskript mit Kurzgeschichten von mir ansehen sollte, der er dann tatsächlich auch entsprochen hatte.
    Hatte er keine Zeit, antwortete er entweder kurz oder gar nicht, aber nie genervt oder gar unfreundlich.
    Ende November 2009 meinte er sogar, dass wir uns mal zum "Kaffeeklatsch" in seinem "Außenbüro" im Cafè Brel am Savignyplatz treffen sollten. Und das wurde dann bis in den Mai 2014 zu einem kleinen, einmal jährlich abgehaltenen Ritual. Bis auf das letzte Treffen saßen wir stets mehrere Stunden zusammen, mal allein, mal mit dazugekommenen Freunden oder Bekannten Kühns und unterhielten uns über die Kultur im Allgemeinen, Tages- und Weltpolitisches - und natürlich auch über seine Projekte. Was meine eigenen anging, war das im Vergleich dazu kleines Karo und konnte schnell abgehandelt werden, wiewohl er mir bereitwillig zuhörte und meine Ausführungen dazu freundlich kommentierte. Ich aber wollte vor allem ihm zuhören.

    Bis zu seiner Erkrankung, kurz nachdem er (endlich und gerade noch rechtzeitig!) mit einem längst verdienten "Stern der Satire" auf dem "Walk of Fame des Kabaretts" ausgezeichnet worden war, strahlte er bei allem, was er meinte und noch vorhatte, eine erstaunliche Frische und Leidenschaft aus. Und er kannte in seinen vielen Rollen als Redakteur, Regisseur, Produzent, Autor und historisch versierter Dokumentarist einfach alle aus dem Kabarett, nicht zuletzt jene, die ich schon als Jugendlicher zu verehren gelernt hatte - und es war ihm offenbar ein großes Vergnügen, immer wieder aufs Neue von ihnen zu erzählen.
    Ich hätte auch noch gern weit mehr über ihn selbst erfahren und fragte nach seiner Biografie, aber gegen sein "das Alles interessiert doch keinen mehr" kam keiner an.
    Er war keine "Rampensau", sondern sah sich stets ausschließlich als kompetenter Mittler, das Kabarett, seine Stücke, Protagonisten und Geschichte direkt oder indirekt zu befördern. Schon seit Langem war er in jeder Hinsicht die "Graue Eminenz" des Kabaretts, und sein Tod bedeutet hierfür eine riesige Lücke, bei der fraglich bleibt, ob und durch wen sie geschlossen werden könnte.
    Die Berliner Akademie der Künste bewahrt nun zwar seinen Vor- und Nachlass, doch wann und unter welchen Voraussetzungen sich da jemand findet, das Archiv von Volker Kühn zu durchforsten und aufzubereiten, wird auch deshalb zur dringlichen Frage, weil dazu auch über 50 Jahre alte Tonbänder mit Interviews von Kabarettisten aus den 1920er und 30ern zählen, die vor ihrem endgültigen Verfall unbedingt transkribiert und auf neue Tonträger überspielt werden müssten. Auch wäre es mehr als wünschenswert, würden seine Bücher in einer Werkausgabe neu herausgebracht und blieben auf Dauer zumindest als E-Books präsent.

    Mein letztes Treffen mit Volker Kühn im Mai 2014 war bereits von seiner Erkrankung bestimmt und unser Austausch um Einiges reduzierter als bei den Treffen davor. Dennoch bewies er sich auch da noch als sich selbst bestimmender Freigeist, nicht zuletzt was das eigene Outfit anging - weißbärtig und mit langen schlohweißen Haaren, die ein Wind immer wieder nach vorne verwehte, um den Hals ein weicher olivfarbener Schal, umhüllte ihn ein dunkler Bademantel und steckten seine Füße in jugendlich schwarzen "Chucks".
    Da erhob sich nach einiger Zeit vom Nachbartisch ein junger Mann, kam alsbald mit seinem Fahrrad zu unserem Tisch und sagte: "Entschuldigen Sie bitte, aber ich muss das einfach loswerden - Sie sind wirklich der coolste alte Mann im Rollstuhl, den ich je gesehen habe! Ich habe Sie schon vorher die ganze Zeit anschauen müssen, verzeihen Sie das bitte. Aber wenn ich Regisseur wäre, würde ich einen Film mit Ihnen drehen wollen, echt "

    Ulrich Karger




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